
Zergle II Konstanz Mehrfachbeauftragung Architekturgutachten

Zergle II
2010
Konstanz
Das Reihenhaus – eine strukturelle Interpretation
Betrachtet man das komplexe Thema Wohnen vor dem Hintergrund einer wachsenden Ausdifferenzierung an Lebensformen und -stilen und des demographischen Wandels, dann gilt es, unserer Meinung nach, Räume für individuelle Haushalts- und Lebensformen zu bieten. Die Wohneinheit des klassischen Reihenhauses, mit einer Raumtrennung in den Geschossen nach Tages- und Nachtnutzung, kann diesen Forderungen langfristig gesehen nicht nachkommen. Im vorliegenden Entwurf denken wir das Reihenhaus als Wohn- und Arbeitsraum für Familien mit Kindern, Singles oder auch Lebens- und Wohngemeinschaften – Generationen übergreifend, den Lebensphasen anpassbar. Dabei sind die Innenräume, mit Ausnahme von Küche und Nasszelle, keiner bestimmten Nutzung zugeordnet. Nebst abschließbaren Zimmern gibt es in jedem Geschoss Aufenthaltsbereiche, in denen man arbeiten, spielen, der Hausarbeit nachgehen oder sich zurückziehen kann.
Durch die gewählte bauliche Struktur werden die Wesensmerkmale des Reihenhauses, wie eigener Eingang oder großzügiger Außenraum, mit den Vorteilen des Geschosswohnungsbaus verknüpft. Eine Vielzahl unterschiedlicher Wohnungsgrößen, gemeinschaftlich genutzte Infrastruktur und eine hohe Flexibilität in der Raumaufteilung sind das Potenzial unseres architektonischen Beitrags. Es ist vorstellbar, dass die einzelnen Parzellen der Zeile sowohl konventionell vermarktet als auch durch eine private Bauherrengemeinschaft mit sozialen Zielen realisiert werden.
Bauliche Struktur – Lebensphase – Nutzungseinheiten
Die einheitliche Breite der Parzellen ist bestimmt durch die Addition zweier Flächenmodule, deren Schnittstelle die innenliegende Treppe ist. Durch die Kombinationsmöglichkeiten der Module in horizontaler und vertikaler Richtung kann eine Vielzahl an unterschiedlich großen Nutzungseinheiten entstehen. Alle Einheiten werden vom Hof aus erschlossen: entweder ebenerdig und/oder über die Außentreppe, unter der sich ein Abstellraum befindet. Diese bauliche Struktur erlaubt es den Nutzern ihren Raumbedarf an die Lebensphase anzugleichen. In den vorliegenden Grundrissen ist die Bandbreite der Nutzungsmöglichkeiten exemplarisch aufgezeigt. Auf eine Unterkellerung der Häuser A bis E wurde verzichtet, gleichwohl es eine mögliche Option ist.
Private Aussenräume
Das Vor- und Rückspringen der Baukörper ermöglicht private Außenräume unterschiedlichster Aufenthaltsqualität. Zum öffentlichen Weg auf der Nordseite ist der gefasste Hof ein Ort des Empfangs, von hier aus werden die Nutzungseinheiten der jeweiligen Parzelle erschlossen. Vom Entree im Erdgeschoss kann die Schichtung der Räume erfasst und ein visueller Bezug zum Garten hergestellt werden: Hof – Innenraum – Terrasse – Garten – Laube.
Auf der Gartenseite hat jede Wohnung einen dreiseitig gefassten, von Einblicken geschützen und überdeckten Aussenbereich. Das Prinzip des Blickschutzes ist auch in den Dachterrassen der oberen Geschosse angewendet, indem die Schotten entsprechend vorgezogen sind.
Gemeinschaftliche Nutzungen
Die genannten Vorteile einer Verknüpfung der Wesensmerkmale von Reihenhaus und Geschosswohnungsbau kommen besonders im Kopfbau zum Tragen. Durch die besondere Lage schlagen wir im Gebäude F eine gemeinschaftliche Nutzung vor. Die bauliche und inhaltliche Sonderstellung ist in der Geschossigkeit, durch eine Durchwegung der Aussenräume oder auch der Formensprache ablesbar.
Im Erdgeschoss ist eine Kita (F1) mit angrenzendem Spiel- und Werkhof vorgesehen, was eine Bereicherung für das gesamte Quartier darstellt und entsprechende Finanzierungsmöglichkeiten finden könnte. Die Einheit im Obergeschoss (F2) kann als Gemeinschafts- und Versammlungsraum genutzt werden, vermietbare Büroräume aufnehmen oder Wohnzwecken dienen. Bei einer gemeinschaftlichen Nutzung des Obergeschosses kann diese Einheit als Erweiterung der Kita intern erreicht werden.
Zwischen Kita, Parkierung/Fahrradraum und den beiden Höfen ist, gleich einem Gelenk, die Erschließung eingebunden. Von hier aus gelangt man ins Untergeschoss, das aus Gründen der Kostenoptimierung die Abstellräume der Häuser A bis F sowie den zentralen Heiz- und Haustechnikraum birgt.
Eine Reihenhauszeile unter den Aspekten von Lebensphase, Eigentum und Nutzungsrechten zu betrachten bietet Freiräume in der Form des Zusammenlebens aber auch des sozialen Miteinanders – bezogen sowohl auf die Parzelle als auch die unmittelbare Nachbarschaft.
Photography
BIEHLER WEITH